„Reisen bildet.“ – Dieser Erkenntnis des Dichters Jean Paul konnten die 43 Teilnehmenden einer Studienreise „Auf den Spuren Martin Luthers“ nur zustimmen. Die Lutherdekade zum Jubiläumsjahr der Reformation auf 2017 hin veranlassten Dekanatsbildungsreferent Axel Guse und Pfarrer Tobias Kraft gemeinsam diese sechstägige Fahrt zu den wichtigsten Luthergedenkstätten auszuschreiben. Voller staunender Eindrücke über die geschichtsträchtige Atmosphäre der verschiedenen Orte kehrte die Reisegruppe zurück.
Erstes Reiseziel war Marburg, wo im hessisch-landgräflichen Schloss 1529 das wichtige Religionsgespräch der Reformatoren über das Verständnis des Abendmahls abgehalten wurde. Doch auch die Hl. Elisabeth war Thema der Besichtigungen in der Universitätsstadt. „Der Schrein der Hl. Elisabeth hat eine ungeheure Ausstrahlung“, bemerkte Christel Pfeiffer voller Bewunderung nach einer Führung durch die frühgotische Elisabethkirche.
Noch am Nachmittag ging es weiter nach Eisenach. Dort stand am nächsten Tag ein Rundgang zu den Wirkungsstätten Martins Luthers auf dem Programm: Die Lateinschule, die der Reformator als 15jähriger Knabe besuchte, das Lutherhaus, wo er wohnte, das Lutherdenkmal vor dem Nikolaitor, aber auch der Bogen zur Kirchenmusik wurde geschlagen, die Luther seinerzeit begründete und im Wirken von Johann Sebastian Bach einen kreativen Höhepunkt erreichte. So besuchten die Reisenden selbstverständlich auch das Geburtshaus von Bach, verbunden mit einer historischen Instrumentenvorführung. „Die Musik Bachs berührt mich stets aufs Neue“, ließ Reiseteilnehmerin Birgit Hotop wissen. Auch die St. Georgenkirche, wo Bach getauft wurde und Luther als Kurrendesänger auftrat, streifte man auf dem Rundweg. Höhepunkt des Tages war der Besuch auf der Wartburg, wo nicht nur die Hl. Elisabeth im 13. Jahrhundert aufwuchs, sondern Luther nach dem Wormser Reichstag in Schutzhaft 1521 getarnt als Junker Jörg das Neue Testament in die deutsche Sprache übersetzte. Da mundete das „Luthermahl“ als Mittagessen in einer historischen Gaststätte ergänzend sehr gut zu den gesammelten Eindrücken.
Abgerundet wurde der Tag mit einem Ausflug durch den Thüringer Wald nach Schmalkalden mit einem dortigen Rundgang durch die denkmalgeschützte Innenstadt und Informationen zu den „Schmalkaldischen Artikeln“, die genau vor 475 Jahren Grundlage des evangelisch-lutherischen Glaubens werden sollten. Dort wurde schon einige Jahre zuvor der „Schmalkaldische Bund“ als Allianz der evangelischen Fürsten begründet. Das nahe gelegene Schloss Wilhelmsburg war früher Nebenresidenz der Landgrafen von Hessen und hat seit der Renaissancezeit kaum bauliche Veränderungen erfahren.
Am folgenden Tag reiste die Gruppe weiter nach Erfurt. Hier studierte Luther zunächst Jura, trat allerdings dann als Mönch in das Augustinerkloster ein. Eine Stadtbesichtigung führte dann auch über die weltberühmte Krämerbrücke zu diesem Kloster, das heute als evangelische Tagungsstätte dient. Der Dom, in dem Luther zum Priester geweiht wurde und die benachbarte Severikirche standen nach einer Mittagspause mit original Thüringer Rostbratwürsten ebenfalls auf dem Besichtigungsprogramm.
Auf der Weiterfahrt nach Leipzig lag als Station der Ort Stotternheim auf dem Weg. Dort geriet Luther 1505 in ein schweres Gewitter und legte das Gelübde ab, bei Überleben Mönch werden zu wollen. Ein Gedenkstein erinnert an diese Begebenheit. „Wie durch eher unbedeutende Ereignisse plötzlich weltgeschichtliche Veränderungen hervorgerufen werden können“, sinnierte der pensionierte Geschichtslehrer und Ortsbeigeordnete Nieder-Wiesens, Gernot Heck nachdenklich.
In Leipzig traf man auf die Feierlichkeiten des 800-jährigen Bestehens des Thomanerchores und der Thomaskirche. Hier führte Luther in seiner Pfingstpredigt 1539 die Reformation in Leipzig ein und hier wirkte Johann Sebastian Bach von 1723 bis zu seinem Tod 1750 als Thomaskantor. Doch zunächst verschaffte sich die Reisegruppe einen Eindruck von Leipzig mittels einer Stadtrundfahrt. „Das Völkerschlachtdenkmal hätte ich mir nicht so wuchtig vorgestellt“, betonte Anna Welter nach der Besichtigung dieser Gedenkstätte an die napoleonischen Kriege. Die martialische Größe der Figuren stieß auch bei anderen Teilnehmern auf Skepsis. Da berührte die russisch-orthodoxe Gedächtniskirche eher die Herzen der Mitfahrenden im Blick auf die große Zahl der Gefallenen in der Schlacht im Jahre 1813. Nach der Mittagspause spazierte man durch die Innenstadt von Leipzig: Das Grab von Johann Sebastian Bach in der Thomaskirche, das Goethedenkmal gegenüber von Auerbachs Keller, die Nikolaikirche als Ausgangspunkt der Leipziger Montagsdemonstrationen vor dem Fall der Mauer 1989, der Augustusplatz mit Gewandhaus und Opernhaus und das Neue Rathaus, Stätte der Disputation, an der Luther 1519 teilnahm, sollen hier stellvertretend für noch manch andere Sehenswürdigkeiten stehen. „Wir waren zur rechten Zeit am rechten Ort“, meinte Reiseteilnehmerin Ruth Trautwein im Blick auf das Thomaskirchenjubiläum, das tags zuvor der frischgewählte Bundespräsident Joachim Gauck in einem Festakt würdigte.
Anderentags war der authentischste Ort der Reformationsgeschichte im Besuchsprogramm vorgesehen: Wittenberg. Zuvor stimmte Pfarrer Kraft, wie an allen Tagen, die Reisegruppe mit besinnlichen Gedanken und passenden Liedern auf die Besichtigungsstätten ein. Der Rundgang unter fachkundiger Leitung begann am Lutherhaus, das frühere Klostergebäude, in dem Luther lebte und arbeitete mit dem Portal der Katharina von Bora (Luthers Ehefrau); er führte weiter am Melanchthonhaus vorbei zur ehemaligen Universität, wo Luther lehrte, zur Stadtkirche mit ihrem berühmten Bildaltar von Lucas Cranach. An die Cranach-Häuser und über den Marktplatz mit Rathaus führte der Weg zur Schlosskirche mit der 95-Thesentür und den Gräbern von Luther und Melanchthon. „Es ist schon etwas Besonderes, an Luthers Grab zu stehen“, brachte Margit Hinkel ihre Gefühle zum Ausdruck.
Nachmittags stand als Reiseziel Torgau auf dem Programm. Luther weilte nachweislich 40-mal in dieser Stadt, wo die Reformatoren sich auf den Reichstag in Augsburg 1530 vorbereiteten und als Grundlage für die Confessio Augustana die sogenannten „Torgauer Artikel“ verabschiedeten. Nach einem Gang über den Marktplatz besichtigte man das Sterbehaus von „Käthe“ Luther, geb. von Bora und anschließend ihre Grabstätte in der Stadtkirche. „Diese Frau hat ebenfalls Reformationsgeschichte geschrieben“ erklärte Stadtführerin Frau Henjes ehrfurchtsvoll. Nicht weit von der Stadtkirche liegt das Schloss Hartenfels, Residenz der sächsischen Kurfürsten und damals ein Zentrum der Reformation. Die dortige Schlosskapelle weihte Luther 1544 als ersten protestantischen Kirchenbau ein.
Ein Denkmal am Elbufer erinnert an die denkwürdige Begegnung von sowjetischen und US-amerikanischen Truppen im April 1945.
Der letzte Reisetag führte zunächst zu Luthers Geburts- und Sterbeort Eisleben. Dort empfing der Reformator höchstpersönlich die Reisegruppe (alias Stadtführer Torsten Lange-Klemmstein in historischem Kostüm). „Das ist ein wunderbarer Gag“, freute sich Mitfahrerin Christel Kantz. So zeigte „Luther“ der Gruppe zunächst sein Geburtshaus und seine Taufkirche St. Peter und Paul, wo er am 11.11.1483 ein Tag nach seiner Geburt auf den Namen des Tagesheiligen Martin getauft wurde. Über den Marktplatz mit dem Lutherdenkmal erreichten die Besucher die Andreaskirche, wo Luther bis kurz vor seinem Tode seine letzten Predigten hielt. Auch das sich nach neuesten historischen Forschungen im Hotel „Graf von Mansfeld“ befindliche Sterbezimmer Luthers stand auf dem Besichtigungsprogramm.
Die Weiterfahrt führte zum Schluss in das unweit gelegene Mansfeld, wohin die Familie kurz nach Luthers Geburt übersiedelte. Dort beendete die Besichtigung der Stadtkirche und der Besuch der Lateinschule und des Elternhauses Luthers die Bildungsreise vor der Heimfahrt Richtung Alzey.
„Das war mehr als nur Spurensuche“, resümierte Veronika Knobloch die Begegnung mit den Stätten der Reformationsgeschichte. „Luthers Gedanken sind mir im Blick auf unser heutiges Christsein ganz nahe gebracht worden“, bemerkte sie ergänzend. Auch die Reiseleiter Axel Guse und Tobias Kraft zeigten sich beeindruckt. „Wir hatten ein sehr dichtes, aber absolut interessantes Programm mit vielen nachhaltigen Begegnungen und äußerst aufmerksame Mitfahrer“, äußerte sich Guse zufrieden mit dem Verlauf und den Inhalten dieser Fahrt.
























































