Begegnung mit der Vergangenheit – Aufbruch in die Zukunft
„Wir wollen und können das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen, aber wir können mitwirken, wohin es sich in Zukunft bewegt, nämlich Richtung Versöhnung, Frieden, Freiheit und Toleranz in einem vereinten Europa“, erläuterte Pfarrer Tobias Kraft in einem Pressegespräch vor Abfahrt das Ziel dieser Reise. Zusammen mit Dekanatsbildungsreferent Axel Guse hatte er den Verlauf der Fahrt projektiert. Beiden gemeinsam ist, dass sie Vorfahren aus Schlesien bzw. Pommern haben. So erinnerten sie unter dem Motto der Reise: „Begegnung mit der Vergangenheit – Aufbruch in die Zukunft“ an 20 Jahre Deutsche Einheit, 65 Jahre Frieden in Europa nach Ende des 2. Weltkrieges und an 250 Jahre Nikolaus Graf von Zinzendorf und die Herrnhuter Brüdergemeine. Nach einer Woche kehrten am 5.11.10 die 47 Teilnehmenden nun voller staunender Eindrücke über die Kultur und Natur der geschichtsträchtigen Orte zurück.
Erste Station war Dresden. Die wiederauferbaute Frauenkirche zog die Teilnehmer in Bann, verkörpert sie doch wie kein anderes Gebäude den Weg der deutschen Einheit und die Versöhnung zwischen einstigen Kriegsgegnern. „Ich bin überwältigt, wie schön diese Kirche von innen aussieht“, schwärmte Mitfahrer Helmfried Fröhlich nach dem Besuch des festlichen Reformationsgottesdienstes. Heinrich Steuerwald war noch angetan von dem Jubiläumskonzert am Vorabend: „Die Klangfülle dieses Chores – so etwas hört man nur ganz selten!“ Zum 5jährigen Weihefest wurde von F.M. Bartholdy die Sinfonie Nr. 2 „Lobgesang“ aufgeführt. Für Veronika Knobloch war die Besteigung der Kuppel und der Ausblick über die im Krieg so geschundene Stadt ein Höhepunkt der Reise: „Ich hätte es mir vor gut 20 Jahren nicht träumen lassen, hier einmal zu stehen!“ Eine Stadtführung brachte die weiteren Sehenswürdigkeiten Dresdens nahe: Kunstakademie – Brühlsche Terrasse – Fürstenzug – Hofkirche – Schloss – Zwinger – Semperoper.
Am Folgetag ging die Fahrt weiter durch die Lausitz nach Herrnhut auf den Spuren von Zinzendorf. Nach Empfang der Gruppe im Kirchsaal besuchte man den „Gottesacker“ mit dem Grab Zinzendorfs und den anderen historischen Grabsteinen. Ein kurzer Abstecher führte nach Berthelsdorf zum Zinzendorfschen Schloss, bevor die Schauwerkstatt der Herrnhuter Sternemanufaktur auf dem Programm stand. „Solch schöne Herrnhuter Sterne sollen auch bei uns zu Hause in Nack leuchten“, tat Horst Steinmann beim Kauf mehrerer Exemplare kund.
Vor der Ausreise nach Polen war noch eine Stadtbesichtigung in Görlitz vorgesehen. Nach Gang über den Untermarkt, am Rathaus vorbei, erreichte man den Flüsterbogen. „Ich kann gar nicht verstehen, wie das funktioniert“, schüttelte Wilhelm Bauer erstaunt den Kopf nach Ausprobieren der Flüstermethode. Das Biblische Haus auf dem Weg zur Neißebrücke verleitete zu einem kleinen Ratespiel hinsichtlich der biblischen Darstellungen auf der Fassade. Die direkt an der Neiße liegende Kirche St. Peter und Paul beeindruckte nicht nur durch ihre Größe, sondern auch durch die berühmte Sonnenorgel.
Am Abend erreichten die Reiseteilnehmer schließlich das Schlosshotel Stonsdorf nahe Hirschberg in Schlesien. Von dort aus führten in den nächsten Tagen Sternfahrten zu den Sehenswürdigkeiten der Umgebung. So war zunächst eine Fahrt nach Breslau vorgesehen. Die Geburtstadt von Dietrich Bonhoeffer zeigte sich geschäftig und pulsierend. Einzigartige Zeugnisse sakraler Kunst und spannender Geschichte galt es zu entdecken. Die Besichtigung führte über den Ring mit seinem historischen Rathaus und dem Schweidnitzer Keller zur Bonheoffer-Gedenkstätte vor der Elisabethkirche. Hier erinnerte Pfr. Kraft mit einer Betrachtung an das Leben und Wirken des im 3. Reich verfolgten Theologen. Die Aula der Leopoldina-Universität und die Gedenkstätte des schlesischen Mystikers Angelus Silesius lag auf dem weiteren Weg an der Markthalle vorbei zur Dominsel mit seinen eindrucksvollen Sakralgebäuden. Als Kontrast besichtigte die Gruppe zum Abschluss in Breslau die Jahrhunderthalle mit ihrer weltberühmten Kuppel.
Zurückgekehrt in das behagliche Schlosshotel Stonsdorf mit seinem wiedererstandenen historischen Ambiente des 18. Jahrhunderts, klang der Tag bei einem galanten Abendessen aus. Dabei durfte auch das Probieren des Echten Stonsdorfers, ein heilkräftiger Kräuterlikör, der früher vor Ort hergestellt wurde, nicht fehlen.
„Was hier erbaut wurde, ist unglaublich“, gab Erwin Edling beim Besichtigen der barocken Klosteranlage Grüssau am nächsten Tag seinem Staunen Ausdruck. Der Wallfahrtsort ist die größte barocke Klosteranlage Schlesiens. Eher bedrückend war die Stimmung in Kreisau beim Besuch des Gutes von Moltke. Die Teilnahme an der Widerstandsbewegung „Kreisauer Kreis“ im Dritten Reich bezahlten die meisten Aktivisten damals mit ihrem Leben. „Dieser Ort möchte als Begegnungsstätte die Gedanken und Wertvorstellungen von Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit dieser mutigen Menschen wach halten – eine Mahnung für uns!“ erinnerte Reiseführer Gerd Stübner u.a. an James von Moltke und Alfred Delp.
Ein weiterer Höhepunkt der Fahrt war im Anschluss der Besuch in der lutherischen Friedenskirche zu Schweidnitz. Pfr. Kraft erinnerte an das Wirken des ehemaligen dortigen Pfarrers Benjamin Schmolck und sein von ihm gedichtetes Lied „Tut mir auf die schöne Pforte“, welches die Gruppe vor Ort dann gemeinsam anstimmte. Reiseteilnehmerin Christa Dober erzählte mit bewegter Stimme aus den Jahren 1932-1946, als ihr Vater an dieser Kirche als Pfarrer amtierte und sie in Schweidnitz ihre Kindheit verbrachte. „Hier wurden meine Geschwister getauft und ich noch konfirmiert, bevor meine Familie die Heimat verlassen musste“.
Das Tagesprogramm endete mit der Rückfahrt, vorbei an Schloss Fürstenstein, der größten Burganlage Schlesiens.
Am nächsten Morgen führte Pfr. Kraft, wie zuvor auch, mittels der Herrnhuter Tageslosung und Gesangbuchliedern schlesischer Dichter in das geplante Besuchsprogramm ein. So war in Agnetendorf, oberhalb der Burgruine Kynast gelegen, die „Villa Wiesenstein“, Wirkungsstätte des naturalistischen Dichters Gerhard Hauptmann, erster Anlaufpunkt. „Mich hat Gerhard Hauptmann schon immer fasziniert, besonders sein Werk „Der Rote Hahn“, betonte Christel Pfeiffer auf dem Weg. Helmut Steuerwald war allerdings noch beeindruckter von der Landschaft und Natur des Riesengebirges, das übrigens auch den großen Dichter inspirierte.
Die luth. Holzstabkirche Wang in Krummhübel, ein im Wikingerstil Norwegens erbautes und hierher versetztes Gebäude faszinierte nach steilem Aufstieg mit ihrer schlichten Eleganz. Sie gehört zu einer der Hauptsehenswürdigkeiten des Riesengebirges am Fuße der Schneekoppe. Die Mittagspause im Gasthaus „Tirolerhof“ in Zillertal-Erdmannsdorf bei köstlichen Tiroler Leberknödeln erinnerte an die ins Riesengebirge im 19. Jahrhundert ausgewanderten ev. Tiroler, die ihrer Heimat auf Grund ihrer Konfession verwiesen wurden. Eine historische Ausstellung unter dem Thema „Glaube und Leid“ erinnert an jenes intolerante Geschehen. „Eine mit dem historischen Gasthof verbundene sehr gelungene Präsentation“ befand Reiseleiter Axel Guse. Bevor am Abend wieder das Hotel in Stonsdorf angesteuert wurde, „belohnte“ Reiseführer Gerd Stübner die bisherige Aufmerksamkeit der Gruppe mit einem Abstecher in die Kreisstadt Hirschberg. Nach einem Gang zum Ring konnte jeder noch individuell durch die schön wiederhergestellte Innenstadt bummeln.
Am letzten Tag galt es Abschied zu nehmen. „Ich nehme unheimlich viele Eindrücke mit nach Hause“, resumierte sogar der weit herumgekommene Reisebusfahrer Siggi Kiefer, bevor er die Teilnehmer in sicherer Manier wieder Richtung Westen nach Hause steuerte.






































